Die aktuelle Lage der Werkzeugschleifer-Branche

Die Anforderungen an Werkzeugschleifbetriebe steigen stetig

Die Anforderungen an Werkzeugschleifbetriebe steigen stetig, sagt Uwe Schmidt. Er ist Vorstandsmitglied des Fachverband Deutscher Präzisions - Werkzeugschleifer (FDPW) sowie Inhaber und Chef des Schleifbetriebs Präzisionswerkzeuge Wurzen (PWWU) in Wurzen. Hier im Interview mit Haider Willrett für die Fachzeitschrift INDUSTRIEANZEIGER.

Herr Schmidt, wie haben sich die Anforderungen an Werkzeugschleif - Betriebe in den letzten Jahren verändert?

Während wir früher fast ausschließlich nachgeschärft haben, fertigen wir heute immer öfter auch Neuwerkzeuge. Das gilt insbesondere, wenn modifizierte Standardwerkzeuge gefragt sind, Schaftfräser mit längeren Schneiden zum Beispiel oder spezielle Stufenbohrer. Früher haben wir dazu an einen fertigen HSS-Spiralbohrer eine Stufe angeschliffen, heute fertigen wir solche Werkzeuge aus dem Vollen. Das hat den Vorteil, dass wir die Geometrien optimal auf die jeweilige Bearbeitungsaufgabe abstimmen können. Das mit den heutigen CNC-Schleifzentren mit überschaubarem Aufwand möglich. Grundsätzlich muss man sagen, dass die Anforderungen an uns Werkzeugschleifer stetig steigen.

Inwiefern?

Die Vielfalt und Komplexität der Werkzeuge und der Beschichtungen hat dramatisch zugenommen. In den letzten Jahren sind die Kataloge einiger Werkzeughersteller von einigen wenigen auf mehrere hundert Seiten angeschwollen. Ein Grund dafür ist der steigende Anteil schwer zerspanbarer Materialien, die zu bearbeiten gilt, und die zum Teil sehr spezielle Werkzeuglösungen bedingen. Es kommt durchaus vor, dass selbst erfahrene Schleifer Schaftfräser mit Merkmalen in die Hände bekommen, die sie so noch nie gesehen haben. Trotzdem müssen wir gewährleisten, dass die aufbereiteten Werkzeuge so weit als irgend möglich dem Original entsprechen.

Rechnet sich die Neufertigung beim Schleifbetrieb? Ist die Neubeschaffung beim Hersteller nicht günstiger?

Das kommt drauf an. Häufig bekommen wir komplexe Werkzeuge, die wir dank unserer flexiblen Maschinen und Strukturen schneller liefern können als der Hersteller. Außerdem können wir bei Bedarf einzelne Parameter recht unkompliziert an die Wünsche des Kunden anpassen. Da die Geometrien bekannt sind – entweder liegen sie uns ohnehin vor oder wir vermessen das Werkzeug –, ist die Neufertigung mit den leistungsfähigen CNC-Maschinen, die wir heute einsetzen, unwesentlich aufwendiger als das Nachschärfen. Je nach Abnutzungsgrad oder Beschädigung ist es für uns sogar oft viel einfacher, gleich aus dem Vollen zu arbeiten statt das vorhandene Werkzeug aufzubereiten.

Worauf sollten Zerspaner bei der Auswahl eines Nachschärf - Dienstleisters achten?

Bei den meisten Betrieben in unserer Branche gehört es zum Service, die Werkzeuge beim Kunden einzusammeln und schnellst möglich aufbereitet wieder abzuliefern. Viele Kunden sehen also ihre Schleiferei gar nicht mehr und können mitunter kaum einschätzen, was sie kann. Immer öfter kooperieren Schleifbetriebe, tauschen einzelne Arbeiten aus, weil sich die teuren Maschinen für einen allein nicht rechnen. Aber das spielt für den Kunden keine Rolle. Für ihn ist wichtig, dass er schnell und zuverlässig ein perfekt aufbereitetes Werkzeug bekommt. Auf der anderen Seite führen große Kunden, etwa aus der Automobilindustrie, auch Audits durch, in denen der Schleifer seine Kompetenz nachweisen muss.

Wie sehen Sie die aktuelle Wirtschaftslage in der Werkzeugschleifbranche?

Zurzeit erleben wir eher eine Seitwärtsbewegung ohne großes Auf und Ab. Den meisten Betrieben geht´s derzeit relativ gut. Sorge bereitet uns etwas, dass die weitere Entwicklung derzeit nicht abzuschätzen ist. Wir haben Kunden, die rund um die Uhr unter Volllast produzieren, und andere, die bereits kurzarbeiten. Und das zum Teil in der gleichen Branche und Region. Vorteile haben die Schleifereien, die nicht von wenigen Großkunden abhängen. In meinem Betrieb, der PWWU, hat der größte Kunde einen Umsatzanteil von rund drei Prozent, und wir arbeiten für die unterschiedlichsten Branchen. Deshalb hatten wir sogar in der Krise 2008/09 eine relativ konstante Auslastung.

Wo liegen aktuell die größten Herausforderungen für die Betriebe?

Die größte Herausforderung sehe ich derzeit darin, neue Mitarbeiter zu finden. Das bei uns nötige Wissen ist so speziell und umfangreich, dass es keinen Sinn macht, jemanden anzulernen. Besser ist es, den eigenen Nachwuchs auszubilden. Leider hatten wir in den letzten Jahren kaum Bewerber. Die guten Schulabgänger studieren oder werden von der Industrie aufgesaugt, und mit den schlechten können wir nichts anfangen. Die Ausbildung zum Schleifwerkzeugmechaniker dauert drei Jahre. Das sehe ich auch als das Minimum an, um den Leuten das nötige Rüstzeug zu vermitteln, damit sie anschließend selbstständig und vernünftig arbeiten können.

Wie lässt sich das Nachwuchsproblem ­lösen?

Das ist einer von vier Punkten, die wir derzeit im Rahmen der strategischen Neuausrichtung unseres Verbands angehen. Wir müssen das Berufsbild des Schneidwerkzeugmechanikers bekannter machen. Während jeder Schulabgänger weiß, was ein Automechaniker macht, und 75 Prozent eine Vorstellung von der Tätigkeit eines Maschinenmechaniker haben, kennen nur 5 Prozent der Jugendlichen das Berufsbild Schneidwerkzeugmechaniker. Die Begeisterung hält sich auch deshalb in Grenzen, weil eine Schleiferei oft mit Staub und Dreck in Verbindung gebracht wird. VIele denken, wir würden Äxte und Rasenmähermesser schärfen. Dass bei uns Hightech-Arbeitsplätze an computergesteuerten Maschinen warten, ist draußen zu wenig bekannt. Das wollen und müssen wir ändern.

Sie sprachen von vier Punkten. Welches sind die anderen?

Zum einen wollen wir verstärkt Frauen für unseren Beruf begeistern. Es gibt kaum noch körperlich schwere Arbeit in unseren Betrieben und damit keinen Grund, warum eine Frau diese Tätigkeiten nicht genauso gut verrichten könnte. Dazu kommt, dass wir durch flexible Arbeitszeitmodelle ­einen familienfreundlichen Arbeitsplatz bieten können und der Verdienst bei uns deutlich höher liegt als in vielen typischen Frauenberufen im Servicebereich. Zum anderen wollen wir die Mitgliedschaft im FDPW attraktiver machen, Einkaufsvorteile für unsere Mitglieder schaffen und ihnen Know-how zur Verfügung stellen. In diesem Zusammenhang wollen wir unter anderem eine Datenbank aufbauen, in der wir Fachwissen sammeln, das unsere Mitglieder dann abrufen können. Außerdem wollen wir die Zusammenarbeit unter den Betrieben stärker fördern.

Wie weit ist der Verband mit seiner Neuausrichtung?

Derzeit läuft eine Umfrage unter unseren Mitgliedern, welche Leistungen sie wünschen. Die Strategie steht. Die Umsetzung braucht jedoch Zeit. Gerade das öffentliche Bild von den Tätigkeiten in einer Schleiferei zu verändern und das Berufsbild in den Köpfen der Jugendlichen zu etablieren, das sind langfristige Prozesse.

Rechnen sich teure CNC-Maschinen für ­eine kleine Schleiferei?

Ein kleiner Betrieb hat grundsätzlich zwei Möglichkeiten: Entweder er bleibt klein und arbeitet weiter mit konventionellen Maschinen, oder er entwickelt sich. Aber man muss ganz klar sehen: Mit einer CNC-Maschine allein ist es nicht getan! Man braucht auch die Peripherie, etwa eine ­Beschriftungs- und eine Messmaschine, eventuell noch eine Rundschleifmaschine. Und wenn man diese Ausrüstung hat, dann reicht ein CNC-Zentrum nicht mehr aus. Schafft man dann ein zweites an, fehlt wieder das Personal. Das ist einer der Gründe, warum immer mehr Schleifereien kooperieren.

Sind die hohen Investitionsvolumina für die Betriebe noch zu stemmen?

Das ist oft sehr schwierig. Selbst für uns – unser Betrieb ist mit zehn Mitarbeitern ­etwa doppelt so groß wie eine durchschnittliche Schleiferei und wir hatten in der Krise keinen nennenswerten Umsatzeinbruch – war es nicht möglich, ein neues CNC-Schleifzentrum zu vernünftigen Konditionen über unsere Hausbank zu finanzieren. Ich sehe einen klaren Trend zu einer Konsolidierung. Es wird künftig weniger, dafür immer größere Schleifereien geben, die sich CNC-Technik leisten können. Die Kleinen werden versuchen, sich mit manuellen Maschinen und konventionellen Jobs über Wasser zu halten.

Welche Auswirkungen hat das für etwaige Nachfolgeregelungen?

Ich kenne keine Schleiferei, die in den letzten Jahren an einen Nachfolger verkauft wurde. Als mein Vater unseren Betrieb nach der Wende gründete, hat er 50  000 Mark investiert. Wer heute einen Betrieb übernehmen will, braucht mindestens 500  000 Euro. Das ist innerhalb von nicht einmal 25 Jahren eine Verteuerung um den Faktor 20. Wer seinen Betrieb nicht innerhalb der Familie vererben kann, der verkauft in der Regel die Maschinen an einen Händler und den Kundenstamm an den nächstgrößeren Wettbewerber. Auch das spricht für die weitere Konsolidierung der Branche.

Aus Fachzeitschrift INDUSTRIEANZEIGER Ausgabe April 2013

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